Sunday, October 5, 2008

Was hab ich mir eigentlich dabei gedacht?

Dienstag, den 8. April

Oh Gott, was hab ich mir bloß dabei gedacht?!?! Indien!?! Für neun Monate? Mindestens neun Monate? Hab ich mir das gut durchdacht? Wenn es nach dem Sehnsuchtsgrad gehen würde, dann wäre ich in Berlin gar nicht erst eingestiegen. Ich wurde quasi durch die Schleuse zum Gate geschoben und der deutsche Beamte verzichtete darauf, mein Boarding Ticket zu sehen. Er nahm mit meinem Pass vorlieb und erklärte, dass es einfach zu lange dauern würde bis ich das Ticket rausgesucht hätte und er wolle den Schmerz nicht unnötig in die Länge ziehen. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass ich nicht ins Flugzeug steigen würde.

Qatar Airways

Am Gate dann noch ein paar letzte tränenreiche Telefonate bevor ich mich in den Airbus A320 auf den Weg nach Doha, Qatar machte. Der Flug war toll! So toll, dass ich gar nicht wollte, dass er endete. Oder war es vielleicht doch ein bisschen die Angst vor der Landung in Indien? Die Angst vor der Endgültigkeit? Mit der Landung würde ich das wahre Ausmaß meiner Entscheidung begreifen und auch einsehen, dass es dann zu spät war. Anyways... Der Flug nach Doha war also toll. Vor dem Einstieg erwarteten mich etwa 20 Zeitungen. Ich entschied für die Süddeutsche. Gern hätte ich auch die Herald Tribune genommen, aber die lag leider zu weit unten und mit meinen geschätzten 20 Kilo Handgepäck, das ich mit reingeschmuggelt habe, war es unmöglich, mich zu bücken und die Zeitung herauszuziehen, ohne die Leute hinter mir aufzuhalten. Auf dem Sitz erwartete mich ein Kuschelkissen, eine wunderschöne dunkelrote, weiche Flugzeugdecke und Kopfhörer. Ich hatte keinen Bildschirm am Sitz, aber das war okay. Auf dem Flug lief “P.S. I love you!” Na, großartig! So ein emonotionaler Film, wo ich doch grad selbst so emonotional war. Ich hatte das Buch gelesen und war nicht ganz so begeistert, konnte mir aber das Buch als Film gut vorstellen. Jedenfalls kommt da eine Stelle, wo sie sagt: “I don’t feel you around anymore. It’s time to let go.” Gott, war das traurig! Nicht das Richtige für mich und doch das Richtige für mich. Ich bin ja immer noch ein einsamer Verfechter der Katharsis-These in der Kommunikationswissenschaft. Ich reinige mich mit sentimentalen Filmen. Ein ordentlicher Heulkrampf und danach geht’s mir meistens besser. Naja, diesmal hat es nicht ganz so gut geklappt

Ich hatte vegetarisches Essen bestellt und in der Speisekarte standen drei Gerichte. Das vegetarische war Pasta mit Creamy Pesto Sauce und Parmesan. Wenn ich gewusst hätte, dass das das vegetarische Essen ist, hätte ich es nicht bestellt. Nicht weil ich es nicht mag, aber es ist eines der Essen, die man schnell selber kochen kann. Leider kam es noch schlimmer. Anscheinend hatte ich noch ein besonderes vegetarisches Essen, denn meine Pastasauce war nicht so creamy wie die meiner Nachbarin. Schlimm, dass Frauen immer vergleichen müssen. ;-)

Dafür hatte ich mehr Salat und zum Nachtisch frische leckere Erdbeeren. Meine Nachbarin hatte Kuchen. Aber nicht nur das. Beim vegetarischen Essen bekommt man keinen Käse und keinen Schokoriegel. Grrr! Der Schokoriegel war Toblerone! Ich glaub ich hatte das vegane Menü. Keine Ahnung. Nicht mal Butter hab ich zu meinem Brötchen bekommen, sondern nur Becel Diät Margarine. Meine Nachbarin aß ihren Käse nicht auf und ich hätte sie gern gefragt, ob ich ihn bekommen könnte, aber ich traute mich nicht.

Nach dem Essen machten meine Nachbarin mit ihrem Hippie-Freund Kreuzworträtsel der Süddeutschen. Hätten die denn keine Rücksicht auf mich nehmen können? Ich war schließlich allein unterwegs und es war ja wohl klar, dass ich meinen Freund zurücklassen musste, da kann man doch mal ein bisschen Rücksicht nehmen und auf das gemeinsame Kreuzworträtsel lösen verzichten. So viel traute Gemeinsamkeit war einfach unhöflich!

Auf dem Flughafen in Doha hab ich noch nie soviele Leute shoppen sehen. Die haben alles verkauft und gekauft. Da gingen im Minutentakt Handys über den Tisch. Die Hautfarbe der Leute wurde auch dunkler. In meinem Flieger waren es eigentlich nur Männer, vereinzelt ein paar Frauen. Als ich mich mit meinem Übergepäck durch den Gang schob, konnte ich beobachten wie ein Mann über einen anderen drüber kletterte, um an seinen Fensterplatz zu bekommen. Naja, dachte ich. Die sind vielleicht verwandt und deswegen macht ihnen der Körperkontakt nichts aus. Als ich zu meinem Platz kam, saß auch schon ein Mann da und auf mein “Excuse me” machte er keine Anstalten aufzustehen, sondern presste sich in seinen Sitz und nahm wohl an, dass ich auch über ihn drüber klettern würde. Ich muss wohl sehr skeptisch geguckt haben und wahrscheinlich hab ich auch die Stirn gerunzelt. Die Stewardess hinter mir kicherte verhalten und als ich mich auch in der nächsten Minute nicht rührte und keine Anstalten machte über diesen Mann zu klettern, stand er doch auf und ließ mich durch. Wie nett! Das Essen war sehr viel besser. Ich bekam Reis mit indischem Frischkäse und Spinat (Palak Paneer), und dazu noch ein Linsenpüree mit Koriander. Sehr lecker. Von allem indischen Essen mag ich Spinat mit diesem Frischkäse am meisten und es war wirklich richtig gut. Wieder bekam ich keine Butter und auch keinen Käse. Mein Nachbar bekam wieder Kuchen zum Nachtisch und ich dafür leckere Früchte. Ein paar Scheiben Mango, drei Heidelbeeren, eine Brombeere und eine Himbeere. Dazu gab es griechischen Salat und der war auch wahnsinnig gut. Da waren Zwiebeln drin, die so mild waren, dass man sie nur vom Aussehen her als Zwiebeln erkannt hatte. Ein ganz anderer toller Geschmack. Ja, das zweite Essen war sehr viel besser, dafür gab es Abstriche beim Fernsehprogramm. Es lief ein Kollywood Film in Tamil mit englischen Untertiteln und das war mir einfach zu anstrengend und auch zu wenig emonotional. ;-)

Ankunft in Chennai

Am Flughafen landete ich 45 Minuten zu früh und war somit auch schnell durch die Immigration durch. Ein erster Faux pas passierte mir beim Schalterbeamten. Er fragte mich: “How are you?” Ich hab das irgendwie einfach überhört und nur mit “Hello” geantwortet. Nun ja, das war falsch und er wies mich auch gleich zurecht, indem er nochmals sehr viel bestimmter fragte: “HOW ARE YOU?” Okay, I got it. Werde demnächst immer brav auf die Frage antworten.

Draußen musste ich noch etwa eine Viertelstunde auf Mel, meinen indischen Boss, warten und in dieser Zeit wurden mir etwa 15 Taxifahrten angeboten. Die Leute ließen mich auch nicht in Ruhe, sondern fragten nach, ob ich denn wirklich abgeholt werden würde. Ja, werde ich! Yes, I'm sure. Definitely. Mein erster Eindruck am Flughafen: es war voll, die Leute unterhalten sich sehr laut und sind bei der Begrüßung sehr herzlich. Die Taxifahrer fassen sich beim Warten ständig in den Schritt. Ich dränge den Gedanken, dass sie eine juckende Krankheit haben könnten, einfach mal beiseite. Und natürlich gibt es nicht so viele Europäer am Flughafen. Mir wurde ständig Hilfe angeboten mit dem Koffer. Ich weiß nicht, ob ich dafür hätte zahlen müssen, ich hab einfach Danke gesagt und nett gelächelt. Ich wurde auch von den Beamten am beim Koffercheck gefragt, was ich mache und man sieht mir anscheinend an, dass ich aus Deutschland komme. Jedenfalls gab es am Flughafen nicht so viele Westler und auch ohne rosa Gummistiefel bin ich aufgefallen. Es gab sogar Leute, die Fotos von mir gemacht haben. Das war mir sehr unangenehm!!

Witzig war dann Mel, der mir im Auto sagte: “Mark told me you studied Marketing & Communications.” Ich dachte nur: Aha, Marketing! Klar! Genau das hab ich studiert. Zumindest hatte ich deine Vorlesung und ein Pro(!)-Seminar dazu. Klar, Marketing! Nun ja, ich klärte das Missverständnis nicht auf, denn nun war ich ja schon mal hier und wenn ich jetzt sagen würde, dass ich nicht Marketing studieren würde”

Mein Hotelzimmer war okay, aber es gibt kein Toilettenpapier. Das ist ein Schock für mich und ich muss mal sehen, ob ich mich daran gewöhnen werde. Ich hoffe doch sehr! Naja, ich will das Thema jetzt nicht ausweiten, schließlich bin ich nicht Charlotte Roche und mir ist es etwas unangenehm, darüber zu schreiben, ganz im Gegensatz zu ihr. Ich sorgte mich erstmal nicht um die Toilette, sondern fiel todtraurig in mein sauberes Bett.

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