Thursday, March 26, 2009

Indien ist launisch

Hatte ich erwähnt, dass der Laptop, den ich zum Bewerbungsgespräch mitnahm neu ist? Eigentlich ist das nicht entscheidend, denn ich trug ihn ja in einer Tasche, die man deutlich als Laptoptasche identifizieren konnte. Vielleicht ist es auch gar nicht unbedingt nötig, den Laptop mitzunehmen, aber wegen der Authentizität ist es sicherlich angebracht. Nun aber zurück zum Thema, mein Laptop ist neu, denn Ludwig ist tot. Er hat das Zeitliche gesegnet. Es fing so harmlos an, mit einer kleinen Erkältung, so dass ihm die Stimme weg blieb. Dann hat es das Wlan erwischt und er konnte keinen Kontakt mehr mit der Außenwelt herstellen. Also brachte ich ihn ins Krankenhaus und dann begann die Odysee. Ludwig wurde zwei Monate stationär behandelt und ich befürchte, dass die lieben Doktoren nicht so richtig wussten, was sie da machten. Zwischendurch hieß es immer wieder: Morgen ist alles okay, morgen darf Ludwig nach Hause! Dann jedoch immer andere Hiobsbotschaften, wie das Motherboard ist hin... ach, nee, doch nicht das Motherboard. Upps, die Tastatur geht nicht mehr. Seltsam, die Tastatur geht wieder, aber jetzt ist das BIOS hin. Letztlich hab ich gesagt, dass ich Ludwig wieder haben will, ob nun tot oder lebendig. Naja, da war anscheinend wohl nicht mehr viel zu machen, also bekam ich ihn tot wieder. Die Daten konnte ich fast alle retten. Meine Emails sind verloren gegangen, aber die verliere ich ja leider mit aller Regelmäßigkeit. Mein neuer Laptop heißt übrigens ebenfalls Ludwig, genauer gesagt, Ludwig, der Zweite. Ich fand das in Memoriam für seinen großen Bruder nur angemessen.


Das Ludwig tot ist, ist sicherlich nicht Indiens Schuld, auch wenn ich bei der Recherche gelesen habe, dass hohe Luftfeuchtigkeit und der hohe Salzgehalt in der selbigen nicht gerade förderlich für die Gesundheit sind. Trotzdem hab ich hin und wieder das Gefühl, dass Indien launisch ist und mich nicht mag. Anfangs hatte ich Angst, dass ich mich nie an dieses Land gewöhnen würde. Es ist so anstrengend, anders, gegensätzlich... Manchmal könnte ich mir keinen schöneren Ort der Erde vorstellen und manchmal würde ich am liebsten sofort einen Rückflug buchen – oneway!


Indien ist... Es ist einfach... Wie soll ich es sagen... widersprüchlich, spannend, kräftezehrend, launisch, verführerisch. Den einen Tag liebt es mich und den nächsten Tag spuckt es mich wieder aus. Mir fehlt meine Unabhängigkeit., meine Freiheit Es wäre schön, wenn ich meine Kleidung nicht danach aussuchen müsste, ob ich heut mit der Autorikscha fahre , denn an solchen Tagen trage ich keine engen T-Shirts und keinen Ausschnitt. Kleidung, die eben in Deutschland kein Problem wäre. Es ist immer ganz besonders unangenehm anzusehen, wenn der Rikschafahrer seine Rückspiegel nicht nach anderen Fahrzeugen, sondern nach mir ausrichtet. Ich fühle mich so unselbständig. Meine Eltern haben so viel Wert darauf gelegt, mich zur Selbständigkeit zu erziehen und nun sitze ich Indien und muss wegen jeder Kleinigkeit irgend jemanden fragen. Ich würde gern selbst den Klempner, den Elektriker oder den Hausbesitzer anrufen, wenn etwas im Haus nicht funktioniert, aber das funktioniert nicht, da ich kein Tamil spreche. Ich könnte die Jungs höchstens fragen, ob sie schon gegessen haben und ihnen sagen, dass sie sich beeilen sollen.


Doch was mich noch viel stärker einschränkt und worauf ich so sehr sensibel reagiere, ist das angestarrt werden. Warum?!? Warum, warum, warum?!?!? Die Inder machen sich da überhaupt nichts draus. Im Gegenteil: Auf einem Hochzeitsempfang wurden sogar Kinder zu mir getragen als ich gerade aß. Während ich also versuchte, mir den Reis ohne große Kleckerei mit der rechten Hand in den Mund zu schieben, standen Ma and Pa vor mir und zeigten mit dem Finger auf mich, damit mich die kleinen sabbernden Dinger auch nicht übersehen konnten.


Ich möchte gern einmal die Straße entlang gehen, ohne dass ich beachtet werde. Wie Merle so schön sagt, wenn sie in den Supermarkt geht, dann hört plötzlich die Musik auf zu spielen, alle drehen sich in Zeitlupe zu ihr um und starren sie mit offenem Mund an, während die Klimaanlage in Bollywoodmanier Luft durch ihr Haar pustet. Ich hasse es, wenn der Watchman mir fast den Hintern küsst, wenn die Maid vergisst zu putzen, nur weil ich grad die Treppe herunterkomme oder wenn mir im Geschäft immer jemand wie ein Dackel hinterläuft, weil die hier meinen, dass ich das unter gutem Service verstehe. Deepak sagt, dass man mich hier in Indien wie eine Königin behandelt. Eine Königin? Okay, aber kann die auch manchmal unsichtbar sein?

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