Ich habe in dem Buch "Schatztruhe Indien" von Gudrun Löwner und Petra Kaupp einen tollen Beitrag zum indischen Verkehr gefunden. Barbara Kannewurff schreibt folgendes:
Das indische Verkehrssystem hat eine strenge Hackordnung: Ganz oben thronen die Busse und Lastwagen, gefolgt von den größeren Machokarren, dazwischen wuseln Ambassadors erhaben über die unzähligen Kleinwagen, es folgen die Motor-Rikschas, die Fahrrad-Rikschas und ganz unten in der Hackordnung befindet sich der gemeine Fußgänger, der besser gut durchtrainiert ist, damit er den heransausenden Autos im Hechtsprung ausweichen kann.
Die BBC hat ihren eigenen Kommentar zum indischen Verkehr: "Diese besondere Aktivität sollte am besten den Einheimischen vorbehalten bleiben und selbst dann ist es besser, nicht zuzusehen. Es ist auch ratsam, die heranpreschenden Laster zu ignorieren, während diese in atemberaubener Geschwindigkeit auf Ihre verwundbare Rikscha zurasen und komplett vergessen, dass Ihr Fahrer noch nie etwas Ähnliches wie eine Fahrstunde gehabt hat und wahrscheinlich an seiner zweiten Flasche Whiskey nuckelt. Soweit mach die Etikette beachtet, ist alles erlaubt, solange es von mehrern Hupsalven begleitet wird. Dies kann Überholen in einer Haarnadelkurve halbwegs auf einem Berg sein oder das Fahren zwischen entgegenkommenden Autos bevor man einen Schlenker macht, um einem Kamel auszuweichen... die Liste ist endlos! Aber alles ist OK, wenn dies von ein paar Hupfanfaren begleitet wird - vor, während oder nach dem Manöver - zu den pulsierenden Klängen von Hindi-Pop!"
Es ist mir ein ewiges Rätsel, warum die Autofahrer an einer roten Ampel meinen, dass es schneller grün wird, wenn man ordentlich hupt! Das gleiche Phänomen erlebt man in einem Stau. Und wehe man fährt defensiv, das kann man sich nur leisten, wenn man viel Zeit hat oder taub ist! Und warum muss jeder Autofahrer beim Abbiegen die Kurve so schneiden, dass er zum Geisterfahrer mutiert? Geisterfahren ist übrigens ein landesweites Hobby, welches mit Inbrust und unermüdlich ausgeübt wird, sowie das Herausschießen aus Seitenstraßen ohne nach rechts oder links zu gucken... Und warum muss ich gequält einen Radfahrer nach dem anderen überholen, damit diese sich an der nächsten Ampel durch die dichtgepackte Fahrzeugkolonne schieben (ein kleiner Kratzer hier, ein etwas größerer dort...) um sich dann wieder vor mir in Position zu stellen??!
Ich hätte es nicht besser sagen können. Nur, dass es in Chennai nur noch wenige Fahrrad-Rischas gibt, die Fahrer eher Brandy statt Whiskey trinken und dass aus den Lautsprecher kein Hindi-Pop, sondern gepflegte Tamilmucke ertönt. Mein Herz macht hier so einiges mit, wenn ich mich im Verkehr bewege. Ich weiß noch, wie ich mich das erste Mal aufmachte, um zu Fuß die Gegend zu erkunden. Nach etwa 10 Minuten war ich vollkommen aufgelöst und hab angefangen vor Stress zu schwitzen. Jedes, aber auch wirklich jedes Mal, wenn ein Auto, ein Moped oder eine Auto-Rikscha an mir vorbei fuhr, wurde gehupt. Sämtliche Alarmglocken schrillten in meinem Kopf und ich hüpfte schreckhaft (aber dennoch elegant wie ein junges Reh) jedes Mal zur Seite. Lief ich zu weit auf der Straße? Wollte der vielleicht hier abbiegen? Sah ich von hinten so gut aus, dass die Jungs meinen, sie müssten lautstark ihr Interesse bekunden? Nein, nichts dergleichen! Das ist schlichtweg eine Art der Inder anzukündigen, dass sie einfach nur vorbei fahren. Damit ich bescheid weiß und keine ruckartigen Ausfallschritte mache. Das war alles!
Wenn man mit dem Auto fährt, ist neben der Hupe auch noch die Lichthupe ein begehrtes Mittel, um sich Autorität zu verschaffen. Ein Beispiel: Man fährt an eine Kreuzung und wenn man rechtzeitig und oft genug Lichthupe gibt, dann hat man Vorfahrt Dieses Zeichen wird auch gern genutzt, wenn man sich auf einer engen Straße begegnet, bei der klar ist, dass einer der beiden Autofahrer ausweichen muss, damit beide aneinander vorbeifahren können. Grundsätzlich gewinnt hierbei das größere Auto und kündigt mit der Lichthupe entschieden an, dass es auf keinen Fall einen Zentimeter weichen wird.
Ich hab mein Glück mit dem Autofahren bisher zwei Mal probiert. Das erste Mal war es spät nachts und die Straßen waren so gut wie leer. Bis auf ein paar vereinzelte Mopedfahrer und den Straßenhunden, die es sich zur späten Stunde auch gern in die Mitte einer Kreuzung schlafen legen und wirklich, aber auch nur wirklich dann das Feld räumen, wenn man hupt. Das erste Fahrerlebnis war trotz des Linkverkehrs und mit dem Lenkrad auf der falschen Seite kein Problem. Ermutigt von diesem Erlebnis versuchte ich mein Glück ein zweites Mal, an meinem Geburtstag im letzten Jahr. (Der 21. übrigens!). Ich fuhr eine Strecke, die ich gut kannte und am Sonntag war der Verkehr nicht ganz so stark wie an den restlichen Wochentagen. Das erste Problem trat auf, bevor ich das Auto überhaupt startete. Ich kurbelte das Fenster herunter, schließlich war es heiß, obwohl es erst 8 Uhr morgens war. Das Fenster blieb stecken. Oh mein Gott, so konnte ich doch nicht Auto fahren. Ausgerechnet auf der Fahrerseite. Jeder würde mich sehen können. Eine Frau am Steuer ist hier sowieso eine Seltenheit und dann auch noch eine weiße Frau. Als ob ich nicht schon ohne Auto genug Aufmerksamkeit erregen würde.
Nun ja, es hilft ja alles nüscht. Ich musste los. Ich fuhr und fuhr und fuhr und so ganz allein, ohne Anleitung, mit all dem Hupen und dem Starren und den vielen Leuten... da wurde mir plörtlich doch ganz anders und mein Herz raste. Ja, ja, mein armes Herz. Ich bin doch nicht mehr die Jüngste... Und gerade als ich eine dieser engen Straßen einbog, bei denen man die Hackordnung besonders zu spüren kommt, passierte es. Ach, ich mag gar nicht dran denken. Vielleicht sollten wir das hier auch einfach vergessen. Wir müssen nicht darüber reden. Es ist ja nun auch schon so lange her. Wollt ihr es wirklich wissen? Ja? Seid ihr sicher? Also, wenn ihr es so formuliert, kann ich euch den Wunsch nicht abschlagen. Also... Es kann sein, dass... Es war natürlich nicht meine Schuld. Ein Waschbär kam plötzlich auf die Fahrbahn und dann... Okay, okay, kein Waschbär. Also es kann sein, dass ich - aus Versehen natürlich - vielleicht ein klein wenig, also nur ganz leicht... einen Ambassador gestreift habe. Einen parkenden Ambassador wohlgemerkt. Ich berührte ihn mit dem linken Außenspiegel. Es ist ja auch wirklich schwer mit dem Linksverkehr und dem Lenkrad auf der falschen Seite. Laut "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken!" ist das weibliche Geschlecht angeblich sowieso schlecht im Einschätzen von Entfernungen. Ich muss mich trotzdem an dieser Stelle vehement gegen diese evolutionstheoretischen Ansätze aussprechen. Dass ich diesen Ambassador sanft und ganz leicht berührt habe, lag nicht an meinem Geschlecht, sondern ja eindeutig daran, dass das Lenkrad eben nicht auf der richtigen Seite war und ich eventuell mit der Distanz zu meiner Linken nicht ganz so vertraut bin wie andere Fahrer in Indien. Außerdem parkte das Auto ja auch quasi mitten auf der Straße! Nun ja, wie auch immer. Als ich am Ziel ankam, war der Spiegel noch dran. Ich war nur eine Viertelstunde weg, vielleicht maximal eine halbe und als ich wiederkam, war der Spiegel weg. Ich schwöre, so war das gewesen und nicht anders. Und der Ambassador? Hmm, also vielleicht hat der einen kleinen Kratzer abbekommen, aber ich hab das getan, was alle hier tun sollten die ein anderes Auto leicht berühren: Weiterfahren und so tun als ob nichts geschehen ist.
Seitdem bin ich immer brav auf der Beifahrerseite eingestiegen. Ich hab kein Lenkrad mehr angerührt und bin zur guten alten Rikscha zurückgekehrt, auch wenn ich damit täglich neue Abenteuer erlebe. Doch dazu ein anderes Mal mehr!
Das indische Verkehrssystem hat eine strenge Hackordnung: Ganz oben thronen die Busse und Lastwagen, gefolgt von den größeren Machokarren, dazwischen wuseln Ambassadors erhaben über die unzähligen Kleinwagen, es folgen die Motor-Rikschas, die Fahrrad-Rikschas und ganz unten in der Hackordnung befindet sich der gemeine Fußgänger, der besser gut durchtrainiert ist, damit er den heransausenden Autos im Hechtsprung ausweichen kann.
Die BBC hat ihren eigenen Kommentar zum indischen Verkehr: "Diese besondere Aktivität sollte am besten den Einheimischen vorbehalten bleiben und selbst dann ist es besser, nicht zuzusehen. Es ist auch ratsam, die heranpreschenden Laster zu ignorieren, während diese in atemberaubener Geschwindigkeit auf Ihre verwundbare Rikscha zurasen und komplett vergessen, dass Ihr Fahrer noch nie etwas Ähnliches wie eine Fahrstunde gehabt hat und wahrscheinlich an seiner zweiten Flasche Whiskey nuckelt. Soweit mach die Etikette beachtet, ist alles erlaubt, solange es von mehrern Hupsalven begleitet wird. Dies kann Überholen in einer Haarnadelkurve halbwegs auf einem Berg sein oder das Fahren zwischen entgegenkommenden Autos bevor man einen Schlenker macht, um einem Kamel auszuweichen... die Liste ist endlos! Aber alles ist OK, wenn dies von ein paar Hupfanfaren begleitet wird - vor, während oder nach dem Manöver - zu den pulsierenden Klängen von Hindi-Pop!"
Es ist mir ein ewiges Rätsel, warum die Autofahrer an einer roten Ampel meinen, dass es schneller grün wird, wenn man ordentlich hupt! Das gleiche Phänomen erlebt man in einem Stau. Und wehe man fährt defensiv, das kann man sich nur leisten, wenn man viel Zeit hat oder taub ist! Und warum muss jeder Autofahrer beim Abbiegen die Kurve so schneiden, dass er zum Geisterfahrer mutiert? Geisterfahren ist übrigens ein landesweites Hobby, welches mit Inbrust und unermüdlich ausgeübt wird, sowie das Herausschießen aus Seitenstraßen ohne nach rechts oder links zu gucken... Und warum muss ich gequält einen Radfahrer nach dem anderen überholen, damit diese sich an der nächsten Ampel durch die dichtgepackte Fahrzeugkolonne schieben (ein kleiner Kratzer hier, ein etwas größerer dort...) um sich dann wieder vor mir in Position zu stellen??!
Ich hätte es nicht besser sagen können. Nur, dass es in Chennai nur noch wenige Fahrrad-Rischas gibt, die Fahrer eher Brandy statt Whiskey trinken und dass aus den Lautsprecher kein Hindi-Pop, sondern gepflegte Tamilmucke ertönt. Mein Herz macht hier so einiges mit, wenn ich mich im Verkehr bewege. Ich weiß noch, wie ich mich das erste Mal aufmachte, um zu Fuß die Gegend zu erkunden. Nach etwa 10 Minuten war ich vollkommen aufgelöst und hab angefangen vor Stress zu schwitzen. Jedes, aber auch wirklich jedes Mal, wenn ein Auto, ein Moped oder eine Auto-Rikscha an mir vorbei fuhr, wurde gehupt. Sämtliche Alarmglocken schrillten in meinem Kopf und ich hüpfte schreckhaft (aber dennoch elegant wie ein junges Reh) jedes Mal zur Seite. Lief ich zu weit auf der Straße? Wollte der vielleicht hier abbiegen? Sah ich von hinten so gut aus, dass die Jungs meinen, sie müssten lautstark ihr Interesse bekunden? Nein, nichts dergleichen! Das ist schlichtweg eine Art der Inder anzukündigen, dass sie einfach nur vorbei fahren. Damit ich bescheid weiß und keine ruckartigen Ausfallschritte mache. Das war alles!
Wenn man mit dem Auto fährt, ist neben der Hupe auch noch die Lichthupe ein begehrtes Mittel, um sich Autorität zu verschaffen. Ein Beispiel: Man fährt an eine Kreuzung und wenn man rechtzeitig und oft genug Lichthupe gibt, dann hat man Vorfahrt Dieses Zeichen wird auch gern genutzt, wenn man sich auf einer engen Straße begegnet, bei der klar ist, dass einer der beiden Autofahrer ausweichen muss, damit beide aneinander vorbeifahren können. Grundsätzlich gewinnt hierbei das größere Auto und kündigt mit der Lichthupe entschieden an, dass es auf keinen Fall einen Zentimeter weichen wird.
Ich hab mein Glück mit dem Autofahren bisher zwei Mal probiert. Das erste Mal war es spät nachts und die Straßen waren so gut wie leer. Bis auf ein paar vereinzelte Mopedfahrer und den Straßenhunden, die es sich zur späten Stunde auch gern in die Mitte einer Kreuzung schlafen legen und wirklich, aber auch nur wirklich dann das Feld räumen, wenn man hupt. Das erste Fahrerlebnis war trotz des Linkverkehrs und mit dem Lenkrad auf der falschen Seite kein Problem. Ermutigt von diesem Erlebnis versuchte ich mein Glück ein zweites Mal, an meinem Geburtstag im letzten Jahr. (Der 21. übrigens!). Ich fuhr eine Strecke, die ich gut kannte und am Sonntag war der Verkehr nicht ganz so stark wie an den restlichen Wochentagen. Das erste Problem trat auf, bevor ich das Auto überhaupt startete. Ich kurbelte das Fenster herunter, schließlich war es heiß, obwohl es erst 8 Uhr morgens war. Das Fenster blieb stecken. Oh mein Gott, so konnte ich doch nicht Auto fahren. Ausgerechnet auf der Fahrerseite. Jeder würde mich sehen können. Eine Frau am Steuer ist hier sowieso eine Seltenheit und dann auch noch eine weiße Frau. Als ob ich nicht schon ohne Auto genug Aufmerksamkeit erregen würde.
Nun ja, es hilft ja alles nüscht. Ich musste los. Ich fuhr und fuhr und fuhr und so ganz allein, ohne Anleitung, mit all dem Hupen und dem Starren und den vielen Leuten... da wurde mir plörtlich doch ganz anders und mein Herz raste. Ja, ja, mein armes Herz. Ich bin doch nicht mehr die Jüngste... Und gerade als ich eine dieser engen Straßen einbog, bei denen man die Hackordnung besonders zu spüren kommt, passierte es. Ach, ich mag gar nicht dran denken. Vielleicht sollten wir das hier auch einfach vergessen. Wir müssen nicht darüber reden. Es ist ja nun auch schon so lange her. Wollt ihr es wirklich wissen? Ja? Seid ihr sicher? Also, wenn ihr es so formuliert, kann ich euch den Wunsch nicht abschlagen. Also... Es kann sein, dass... Es war natürlich nicht meine Schuld. Ein Waschbär kam plötzlich auf die Fahrbahn und dann... Okay, okay, kein Waschbär. Also es kann sein, dass ich - aus Versehen natürlich - vielleicht ein klein wenig, also nur ganz leicht... einen Ambassador gestreift habe. Einen parkenden Ambassador wohlgemerkt. Ich berührte ihn mit dem linken Außenspiegel. Es ist ja auch wirklich schwer mit dem Linksverkehr und dem Lenkrad auf der falschen Seite. Laut "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken!" ist das weibliche Geschlecht angeblich sowieso schlecht im Einschätzen von Entfernungen. Ich muss mich trotzdem an dieser Stelle vehement gegen diese evolutionstheoretischen Ansätze aussprechen. Dass ich diesen Ambassador sanft und ganz leicht berührt habe, lag nicht an meinem Geschlecht, sondern ja eindeutig daran, dass das Lenkrad eben nicht auf der richtigen Seite war und ich eventuell mit der Distanz zu meiner Linken nicht ganz so vertraut bin wie andere Fahrer in Indien. Außerdem parkte das Auto ja auch quasi mitten auf der Straße! Nun ja, wie auch immer. Als ich am Ziel ankam, war der Spiegel noch dran. Ich war nur eine Viertelstunde weg, vielleicht maximal eine halbe und als ich wiederkam, war der Spiegel weg. Ich schwöre, so war das gewesen und nicht anders. Und der Ambassador? Hmm, also vielleicht hat der einen kleinen Kratzer abbekommen, aber ich hab das getan, was alle hier tun sollten die ein anderes Auto leicht berühren: Weiterfahren und so tun als ob nichts geschehen ist.
Seitdem bin ich immer brav auf der Beifahrerseite eingestiegen. Ich hab kein Lenkrad mehr angerührt und bin zur guten alten Rikscha zurückgekehrt, auch wenn ich damit täglich neue Abenteuer erlebe. Doch dazu ein anderes Mal mehr!
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